Wirklichkeiten in der Kunst von Ines Scheppach
Oder
Der (einzige) Weg zur Wirklichkeit führt über die Kunst




Bleistifte, lichtechte Farbstifte, Radierstifte und ein Blatt Papier –
mit diesen einfachen und grundsätzlichen Mitteln aufgezeichneter Kommunikation stellt Ines Scheppach nach eigenen oder gefundenen Fotografien realistische Wirklichkeiten her. An ihrem durch ein großes Fenster hell erleuchteten Arbeitstisch mit Blick auf unbebaute Natur im urban umbrausten Böblingen entstehen Strich für Strich in oft wochenlanger Arbeit malerische Oberflächen von Menschen, Dingen, Symbolen. Wenn sie manchmal aufschaut sind sie da,  aus Urzeiten, aus mythischen und historischen Zeiten, aus der Jetztzeit, aus fernen Erdteilen oder von gerade um die Ecke – ihre Frauengestalten, Königinnen, enthüllt, verschleiert, maskiert, aus Fleisch und Blut aus Stein oder feenhaft durchsichtig, blass weiß, blau, gelb, grün. Sie posieren in der Ecke, hocken auf dem Teppich oder tanzen durchs Wohnzimmer – leibhaft, habhaft. Sie bleiben da – freundlich, zerbrechlich, geheimnisvoll.

Ines Scheppach wurde in Stuttgart geboren. Ihr Vater war Werbegrafiker und ihr Weg zum Kindergarten führte an der Staatlichen Akademie der Künste täglich vorbei. Ihr war damals schon klar, dass sie in diese seltsame Institution, von der zu Hause so viel die Rede war, kennenlernen wollte.

Dort entwickelte sie einen Zeichenstil, der ihrer Geduld und Vorliebe für das „Fummelige, Finzelige und Kleinteilige“ entgegenkam. Das erinnert an uralte und urweibliche Fähigkeiten von Frauen, mit Engelsgeduld Lebensbilder zu verweben in Stoffen und Teppichen. So gesehen erscheint das Gesamtwerk von Ines Scheppach wie ein umfassender Bildteppich menschlicher Innen- und Außenwelten.

Die Künstlerin ist Mitglied einer Künstlergruppe, die sich „Neue Meister des Realismus“ nennt. Man assoziiert die Maltechnik der „Alten Meister“ und damit wiederum eine grundsätzliche Möglichkeit der bildenden Kunst: Illusionistische, räumliche, dem Sichtbaren zum Verwechseln ähnliche  und damit glaubhafte Wirklichkeiten auf der Fläche darstellen zu können. Diese Fähigkeit der Malerei seit der Renaissance ist wohl der Grund für den Siegeszug der Malerei und prägt bis heute unsere Vorstellungen der christlich-abendländischen Kultur.

Ines Scheppach nutzt diese Möglichkeiten. Dabei geht es ihr aber nicht mehr um eine Mimesis, d.h. um eine Nachahmung vorgefundener Realitäten und Vorstellungen. Bereits ihre Zeichentechnik lässt Neues entstehen. Aus der Überlagerung von unendlich vielen Strichen entsteht der Eindruck von Malerei. Farbflächen statt Umrandungen entstehen. In  einem fortwährenden Experiment versucht die Künstlerin die unvereinbaren Gegensätze von Zeichnung und Malerei aufzuheben. Deshalb bezeichnet sie ihre Arbeiten auch als „gezeichnete Bilder“. In ihnen bleibt spürbar, dass sich Farbflächen zusammensetzen aus vielen Einzelteilen, wie ein Gewebe aus Maschen. Dadurch entsteht der Eindruck eines Konglomerats, einer Fragilität und Durchsichtigkeit von Realität. Immer ist das Grundweiß des Papieruntergrunds sichtbar. Alles wirkt so als blicke man durch einen Diamanten auf das Dargestellte. Alles scheint klar und diffus zugleich. Das Licht, das ihre Bilder durchdringt wirft nicht wie gewohnt bei gemalten Gegenständen einen Schlagschatten. Die Lichtquelle ist mal hier und mal da und scheint aus den abgebildeten Dingen  selber zu strahlen. Dieses innere Licht zusammen mit den offenen Strichstrukturen verändert Körperliches und transformiert es ins Immaterielle.

Der Realismus und die Realität  verändern ihre Bedeutung. Es werden zwar realistische Figuren verwendet, sie erzeugen aber keine realistische Welt. In ihrer Kunst gibt es keine einzige und alleinige Wirklichkeit, keinen einzigen uns bekannten Realismus, sondern ganz verschiedene Wirklichkeiten, in denen wir leben. Zu diesen Wirklichkeiten gehören auch das Wunderbare, das Vorstellbare und immer Geheimnisvolle, was immer und allen ihren realistischen Bildern innewohnt. Dadurch werden die gewohnten logischen Beziehungen der Dinge, der Menschen, der Geschlechter, der Zeiten, der Materie zueinander auf seltsame Weise gestört und unterbrochen. Nähe und Ferne, groß und klein, Erotik und Unberührbarkeit, Körperhaftes und Körperloses, Stein und nacktes Fleisch werden in neuen Verhältnissen gesehen. Der gewohnten Realität wird geradezu der Boden entzogen. Kein Oben und kein Unten.
Alles ist einem Wandel und Verwandeln ausgesetzt. Außenwelt und Innenwelt ununterscheidbar. Erfahrungen und Emotionen, Wissen und Unbewusstes verschränken sich. Die Künstlerin findet für diesen Zustand eine Form: Die Spirale,  das Schneckengehäuse oder die Umarmung durchziehen ihre Arbeiten. Sie sind ein Symbol für Geborgenheit und Explosion, von intro- und extrovertiert. So werden ihre Bilder zu Kreisläufen von Pose und Tanz, von Erstarrung und Bewegung, von Stein und Fleisch, von jung und alt, von Verbergen und Offenbaren, von Anfang und Ende. Ihre Bilder sind Darstellungen eines ewigen Wiedergebährens in Raum und Zeit, in Ewigkeit und Unendlichkeit. Um dies glaubhaft machen zu können, dass sie und wir in allen Dingen und Lebewesen waren, sind und immer sein werden setzt sie ihren realistischen Stil ein, gerade so wie damals die alten Meister uns mit ihrer Malerei von der Existenz von Himmel und Hölle und unsichtbaren Welten zu überzeugen suchten.

Lässt man sich auf die Bilder von Ines Scheppach ein, so erfährt man etwas davon wie sie mit ihrer Kunst versucht, der immensen Beschleunigung in unserer Zeit und den überall gegenwärtigen Kult der Oberfläche und der Herrschaft der Logik abzubremsen. Ihre Bilder sind Spiegel zu geheimnisvollen Wirklichkeiten, die Gegenwart und Vergangenheit, Innen und Außen verknüpfen und dafür melancholisch ernsthafte und zugleich verspielt und lustige, aber immer einprägsame Bilder finden.

Rudolf Greiner    (2013)

Ruolf Greiner, Kunstkurator Tübingen